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Die Nuesse – Weihnachtsmaerchen



Ein Weihnachtsmärchen für meine Kinder und Enkel.

von Georg Ebers (1.3.1837 – 7.8.1898)

Der verwundete Oberst, den wir in unserem Hause gesund pflegten, durfte nur wenig gehen, und wenn er am Nachmittag etwas herumspaziert war, mußte er auf dem bequemen alten Lehnsessel, den wir den Großvaterstuhl nannten, Ruhe suchen.

In der Dämmerstunde steckte unser lieber Gast die zweite von den drei Pfeifen an, die der Doktor ihm jeden Tag zu rauchen gestattete, gab den Kindern ein Zeichen, und das junge Volk folgte ihm schnell genug; denn es hörte seine Geschichten so gern, wie es ihm gut war.

Freilich durfte der Genesende noch nicht länger als eine halbe Stunde hinter einander erzählen; denn seine Wunden waren so schwer gewesen, daß unser vielerfahrener Chirurg versicherte, es widerspreche den Naturgesetzen und sei eigentlich ein Unding, daß dieser Mann überhaupt noch unter den Lebenden wandelte.

Was seine Geschichten angeht, so hatten sie nie verfehlt, das Interesse der Zuhörer wach zu erhalten, und dies verdankten sie zum Teil dem Umstande, daß sie gewöhnlich abgebrochen werden mußten, wenn die Spannung eben den Gipfel erreicht hatte.

Dazu klang die tiefe Stimme des Erzählers viel leiser, als seine breitschulterige Hünengestalt es erwarten ließ, und es lag in ihrem gedämpften, oft flüsternden Ton ein geheimnisvoller Zauber nicht nur für die Kleinen.

Daß der Oberst unsern sechsjährigen Hermy seinen Geschwistern recht auffällig vorzog, dankte das Kind wohl besonders dem Befehlshaberblicke, mit dem der alte Soldat es einmal zum Weinen gebracht hatte. Seitdem war Hermy so entschieden sein »Herzblatt« geworden, daß er ihn sogar den Schwesterchen vorzog, die es ihm zuerst angethan zu haben schienen, und niemals will ich die zärtlichen, beinahe mütterlich innigen, liebkosenden Töne vergessen, die wir aus der breiten Brust dieses Graubartes mit dem großen runden Haupte und dem echt mannhaften Antlitz vernahmen, während er den Kleinen zu trösten versuchte.

Es war wunderbar, wie dieser an Gehorsam gewöhnte und wegen seiner schneidigen Thatkraft bekannte Kriegsheld unter den Kindern zum Kind werden konnte. Er hatte ein geliebtes Weib, ein Söhnchen in Hermys Alter und eine Tochter in jungen Jahren dahinscheiden sehen, und unsere heranwachsende Schar mochte ihn an die verlorenen eigenen Schätze erinnern.

Was seine Geschichten angeht, so wußte er sie aufs schärfste zu sondern. Einige begann er mit den Worten: »Da bin ich«. und sie hielten sich immer streng an der Wahrheit, die anderen aber begannen: »Es war einmal«, und während jene sich auf das eigene reiche Leben des Obersten bezogen, waren diese teils bekannte, teils frei erfundene Märchen, worin es von Feen und Geistern, Elfen und Gnomen, Zauberern und Drachen, Wichtelmännchen, Nixen, Lorinnen und Zwergen wimmelte.

Jetzt kam die Weihnachtszeit heran und morgen – am Heiligabend – sollte der Christbaum angezündet werden. Am dreiundzwanzigsten Dezember, kurz vor dem Erzählungsstündchen, kam der kleine Hermy nach Hause und zeigte den Geschwistern die winzigen Geschenke, die er gekauft: für den Vater ein Stück Gummi, für die Mutter einen Bleistift, für die Großmama eine Düte voller Nüsse, sowie ähnliche Dinge, die so klein sie auch waren, doch sein ganzes erspartes Taschengeld aufgezehrt hatten.

Die älteren Brüder, denen er strahlend vor Freude diese Herrlichkeiten wies, zeigten indessen keineswegs die Bewunderung, die er erwartete, sondern neckten ihn als echte Flegel, die sie damals gerade waren, und machten sich – einer Schwester gegenüber wären sie vielleicht weniger unzart gewesen – über »die großartigen Geschenke« des Brüderchens lustig.

Mein Karl erlaubte sich die Frage, was der Vater, den doch kein Mensch jemals zeichnen gesehen hatte, mit dem Gummi anfangen solle, und Kurt fügte hinzu, der Großmama wüchsen im eigenen Garten mehr Nüsse zu, als sie alle zusammen an zehn Weihnachtsabenden bekämen.

Da traten dem Kleinen helle Thränen in die Augen, und er warf einen recht bekümmerten Blick auf die verachteten Schätze, an denen er sich eben noch so herzlich gefreut; ja er schluchzte leise auf, und mit einem betrübten: »Aber ich hatte ja nicht mehr!« steckte er die entwerteten Kleinodien in die Tasche.

Der Oberst war dem allen schweigend gefolgt, jetzt aber zog er den Liebling zu sich heran, küßte ihn und streichelte ihm die blonden Locken. Dann forderte er ihn freundlich auf, sich ganz dicht neben ihm auf die Fußbank zu setzen, gebot den anderen Kindern, sich gleichfalls niederzulassen, und Karl und Kurt, die Ohren recht weit offen zu halten.

Meine Frau und ich, die von diesem Vorgang erst später erfuhren, traten eben auch in das Zimmer und baten den Obersten, mit zuhören zu dürfen. Das wurde gern bewilligt, und nachdem man die Lampen gebracht hatte – denn es war später als sonst geworden – strich der Oberst sich den dichten Schnurrbart länger und sorgfältiger als sonst und begann, nachdem er kurze Zeit stumm vor sich hingeschaut hatte: »Meine Geschichte soll heute heißen: ›Die Nüsse‹. Gefällt Dir das, Hermy?«

Der Kleine lächelte ihn erwartungsvoll an und nickte dazu mit dem Kopfe; er aber begann:

»Ihr meint gewiß, Kinder, – und das ist verständig – es sei von den Toten noch keiner zurück gekehrt, und kein Mensch könne darum wissen, wie es droben im Himmel und unten in der Hölle aussieht; aber ich – schaut mich nur an – ich hier bin doch im stande, etwas davon zu erzählen.«

Hier machte er eine kleine Pause, weil meine Frau ihm mit der Pfeife und dem Fidibus genaht war; die Kinder aber schauten einander fragend und bedenklich an; denn dies war die erste Geschichte des Obersten, die nicht mit dem »Da bin ich« oder »Es war einmal« anfing, und von der sich also nicht gleich sagen ließ, ob sie wahr sei oder erfunden. Wolfgang, mein dreizehnjähriger Aeltester, der auch die jüngeren Knaben schon gern »die Kleinen« nannte und ein echter Sohn seiner Zeit zu werden anfing, entschied sich freilich sofort für das letztere; aber auch er richtete sich höher auf und warf mir einen fragenden Blick zu, als der Oberst fortfuhr:

»Die beiden Kugeln hier drinnen und der Säbelhieb in der Schulter – ihr wißt ja, wie und wo ich dazu kam . . . Kurz, am Nachmittag sank ich damals vom Pferd in das Gras, und erst am nächsten Morgen wurde ich von den Krankenträgern gefunden und auf den Verbandplatz geschleppt. Da machten sie mich wieder lebendig. In der Zwischenzeit – einen halben Tag und eine ganze Nacht hat es gewährt – bin ich kein lebendes Menschenkind gewesen wie ihr hier und die anderen zweibeinigen, bisweilen mit Vernunft begabten Geschöpfe.«

Dabei ließ er den sonderbar scharfen Blick vielsagend von Karl zu Kurt schweifen; die Mädchen aber faßten einander bei der Hand, und es sprach ihnen aus den Augen, daß sie es bedenklich fänden, einem ehemaligen Toten so dicht gegenüberzusitzen. Ein Glück nur, daß der Auferstandene so gut war und ganz zweifellos lebte; denn das bewies seine Rede und der Dampf, den er bei jeder Pause in die Luft blies.

»Ja, Kinder,« begann der Oberst von neuem, »ein großes Wunder hat sich mit mir altem Manne begeben. Der lange Leib hier, der lag unter stöhnenden Menschen, verendenden Pferden, zerbrochenen Kanonenlafetten, Munitionswagen, Granatensplittern und fortgeworfenen Waffen auf dem blutigen Rasen; die Seele aber – ein gar zu schlimmer Sünder muß ich doch nicht gewesen sein hienieden – die Seele, die durfte sich’s indes wohl sein lassen im Himmel. Eins, zwei, drei – so schnell, wie ihr nur denken könnt: ›Das ist ein Apfel‹ oder ›Die blonde Ina hat eine hübsche Puppe im Schoß‹ – war sie droben. Und nun – ich seh’ es euch an – nun möchtet ihr wissen, wie’s im Himmel aussieht, und ich kann’s euch, weiß Gott, nicht verdenken; denn schön ist’s da freilich, wunderschön, aber leider, leider, nicht einmal versuchen darf ich, es zu beschreiben. Das muß nämlich für die Lebenden ein Geheimnis bleiben, weil – aber das geht euch nichts an, und es bekäme mir übel, wenn ich plaudern wollte.«

Hier wurde der Oberst durch manche Aeußerung des Bedauerns unterbrochen; doch fuhr er unbeirrt und in beschwichtigendem Tone fort:

»Laßt es nur gut sein. Auf Schilderungen mich einzulassen, ist mir freilich verboten; einzelnes von den Erlebnissen da oben euch mitzuteilen, das wird indes schon angehn. So hört denn! Daß die Hölle unterhalb des Himmels gelegen ist, habt ihr schon, sollt’ ich denken, irgendwo vernommen. Natürlich können die seligen Toten für gewöhnlich nichts von den Qualen der Verdammten hören und sehen; denn das würde ihnen die Freuden des Paradieses ganz und gar verderben; aber manchmal – ich glaube einmal im Jahre – ist es den Verklärten dennoch gestattet, in die Hölle zu schauen. Es hat aber damit eine besondere Bewandtnis. Wenn nämlich das Kuppeldach, das die Hölle den Blicken der Himmelsbewohner entzieht, aufgethan wird, so geschieht es zum Besten der Verdammten; denn der Herr gestattete in seiner Gnade, daß die Seligen sich die in der Hölle ansehen, um, wenn sie einen unter ihnen finden, von dem sie etwas Gutes selbst genossen oder auch nur durch andere vernommen haben, dies dem heiligen Petrus zu melden. Gefällt dem nun das Löbliche, das der jetzige Höllenbewohner einmal vor dem Tode auf Erden gethan, so kann er ihm deswegen die Zeit der Strafe kürzen oder ihn freisprechen und ihm sogleich das Himmelsthor öffnen.

»Was mich betrifft, so gelangte ich gerade am Tage einer solchen Höllenschau ins Paradies und bekam dadurch merkwürdige Dinge zu schauen. Uf! Das war der schwerste Teil meiner Geschichte, und ihr habt ihn hoffentlich verstanden?«

Damit suchte der Blick des Erzählers wiederum den der Kinder, doch lag diesmal nichts Verweisendes darin; er war vielmehr fragend, und als von all den jungen Lippen ein lautes »Ja« und »Gewiß« erscholl, glänzten die Augen des Obersten hell auf, und sein schweres Haupt nickte freundlich, als er fortfuhr:

»Daß die Seligen barmherzig und froh bereit sind, das Elend der Unglücklichen, wie sie auch heißen und wo sie sich immer finden mögen, zu mildern, das versteht sich von selbst, und ich brauche euch darum nicht zu beschreiben., wie eifrig sie suchen, sich einer guten That zu erinnern, die den einzelnen Verdammten etwa nachzurühmen wäre. Aber Sankt Petrus ist ein so gerechter wie milder Richter; und so fällt denn diese Nachlese spärlich aus, und wenige finden noch etwas Gutes, das der Erwähnung wert wäre, an den armen Verdammten. Auch mir war es gestattet, in den gräßlichen Ort der Qualen hinunterzuschauen, und was ich dort zu sehen bekam, war furchtbar schrecklich. Denkt es euch, wie ihr wollt! Als ich endlich das Entsetzen, das mich erfaßte, überwunden hatte, gewahrte ich eine ganze Menge von Damen und Herren, die ich auf Erden gekannt. Unter ihnen waren so manche, die mir besonders fromm und tugendhaft vorgekommen waren und die ich weit eher an einem bevorzugten Plätzchen im Himmel, als da unten zu finden erwartet hätte; doch gerade von ihnen wußten die wenigsten Seelen etwas zu vermelden, das aus reiner, selbstloser Güte vollbracht worden wäre. Von diesem oder jenem wurde zwar eine That hervorgehoben, die fromm, ja erhaben genug aussah, – aber da drüben liegen auch die Beweggründe der menschlichen Handlungen und die Gesinnung, aus der sie hervorgegangen sind, offen zu Tage, und die war immer so beschaffen gewesen, daß denen, die schöne Thaten verrichtet hatten, auch die großartigsten Liebeswerke nicht zu gute geschrieben werden konnten. Ihre frommen Werke hatten nur bezweckt, von den Menschen gesehen zu werden oder ihnen etwas einzubringen, das dem Ehrgeiz schmeicheln, den Neid anderer erwecken oder ihren Reichtum auf sonderbaren Nebenwegen vergrößern sollte. Vielleicht versteht ihr nicht ganz, wie das gemeint ist; aber das thut nichts. Die Mutter mag euch so viel davon erklären, wie sie für recht hält.

»Die armen Enttäuschten, sowie die Unglücklichen, für die sich keine Stimme erhob, thaten mir herzlich leid, doch ich konnte ihnen nicht helfen.

»Unter ihnen bemerkte ich auch eine Frau, die ich auf Erden sehr wohl gekannt hatte, und der, meinte ich, geschehe es schon recht, daß sie verdammt worden sei. Ich erwartete auch gar nichts anderes, als sie hier wiederzufinden. Ihr wißt ja nicht, Kinder, was ein kaltes Herz ist, aber das dieses Weibes war hier unten von Eis oder Stein gewesen; denn obwohl sie weit mehr besessen hatte, als sie bedurfte, war sie nicht durch die rührendsten Bitten der ärmsten Armen zu bewegen gewesen, ihre Not zu lindern. Um eigene Neigungen zu befriedigen, hatte sie Nebenmenschen ausgenutzt und geschädigt. Ohne auch nur eine Seele recht zu lieben, war sie – des glaubte ich gewiß zu sein – durchs Leben gegangen, und darum hatte niemand ihr gut sein mögen, und einsam war sie gestorben. Elend wie in der Hölle ist sie, denk’ ich, schon hienieden gewesen; denn wer kann sich wohl glücklich fühlen, der nicht liebt und geliebt wird?

»Für sie, sagt’ ich mir, werde sich gewiß keine Stimme erheben. Doch ich hatte mich geirrt; denn da schwang sich auf einmal ein besonders holdseliges Engelskind mit blau und weißen Flügeln an mir vorüber. Ohne die geringste Scheu flog es auf den heiligen Petrus zu, der mit dem großen Bart und dem mächtigen Schlüssel in der Hand gebieterisch genug aussah, wies mit dem kleinen Zeigefinger auf die hartherzige Frau und rief: ›Die da schenkte mir einmal eine Hand voll Nüsse!‹

»›So, so,‹ versetzte der hohe Hüter des Himmels. ›Das war zwar wenig, und doch klingt es erstaunlich; denn das Weib dort hat sich sonst bei Lebzeiten von keiner Stecknadel getrennt. Aber Du, Kleines, was warst Du denn auf Erden?‹

»›Das arme Hannele hieß ich,‹ versetzte der Engel. ›Ich bin vor Hunger gestorben, und nur einmal hat mir ein anderer Mensch etwas geschenkt, woran ich mich freuen konnte, und das ist die Frau dort gewesen.‹

»›Merkwürdig,‹ erwiderte Petrus und strich den langen weißen Bart. ›Gewiß hat sie Dich mit den Nüssen für einen Dienst recht spärlich belohnt.‹

»›Nein, nein,‹ versetzte der Engel lebhaft.

»›So erzähle denn genau, wie es kam,‹ befahl der Apostel, und die kleine liebliche Seele gehorchte schnell und begann:

»›Die kranke Mutter und ich wohnten noch in der Stadt ganz allein; denn der Vater war tot. Um Weihnachten hatten wir gar nichts mehr zu essen. Da machte die Mutter, obwohl sie im Bett lag und der Kopf und die Hände ihr glühten, Schäfchen aus kleinen Holzstäben und Watte, und ich half ihr dabei und trug sie auf den Christmarkt. Da saß ich auf einer Treppe und bot sie den Leuten an, aber keines wollte sie haben. So vergingen die Stunden, und es war sehr kalt, und das Knie mit der offenen Wunde, die doch keiner sah, that mir so weh, und der Frost an den Fingern und Zehen brannte und kitzelte schrecklich. So wurde es Abend, und die Laterne über mir war schon angesteckt worden. Aber nach Hause konnte ich doch nicht; denn erst einer hatte mir ein Kupferstück in den Schoß geworfen, und ich brauchte doch mehr, um etwas Brot und Kohlen zu kaufen. Der eigene Schmerz that weh, aber daß die Mutter ohne mich daheim lag und keiner da war, um ihr etwas zu reichen und sie zu stützen, wenn die Atemnot sie packte, das that noch weher. Ich hielt es kaum mehr aus auf dem harten, kalten Treppenstein und hatte die Augen voll Thränen. Da lud man ein Faß vor dem Haus ab, und wie die Markthelfer es über den Bürgersteig in den Laden neben mir wälzten, wurden die Vorübergehenden aufgehalten, und die Frau dort – ich erkenne sie wohl – blieb vor mir stehen. Nun bot ich ihr ein Schäfchen an und schaute ihr mit den nassen Augen ins Antlitz. Aber das war so hart und starr, daß ich denken mußte: Die gibt dir nichts! Doch es kam anders; denn plötzlich war es, als glätteten sich ihre Züge, und ihr Blick erwärmte sich wirklich. Er traf auch den meinen, und bevor ich mich dess’ versah, griff sie in die Düte, die sie auf dem Arm trug, und warf mir eine Handvoll Nüsse in den Schoß. Indes war die Tonne in den Laden gerollt worden, und der gestaute Menschenstrom wollte die Frau mit sich fortreißen; sie aber kämpfte gegen ihn an. Es war gar nichts Leichtes, und sie that es nur, um mir noch eine zweite, eine dritte und vierte Handvoll von den allerschönsten Walnüssen zuzuwerfen. Ich seh’ es noch vor mir, als wär’ es heute geschehen! Und sie griff dann auch in die Tasche, gewiß um mir Geld zu geben, doch das Drängen der Leute war so stark, daß sie ihm nicht länger widerstehen konnte. Sie hörte wohl auch kaum noch, wie ich ihr dankte.‹

»Hier schwieg der Engel und warf der verdammten Frau eine Kußhand zu; Sankt Petrus aber fragte diese, wie sie, die sonst jeden Armen mit Härte von sich gewiesen, dazu gekommen sei, dies Kind so hübsch zu beschenken.

»Da schluchzte das Weib in der Hölle laut auf und versetzte: ›Die feuchten Augen der Kleinen hatten mich an mein Schwesterchen erinnert, das unter Schmerzen starb, bevor ich hart geworden war und schlecht, und dabei ist es sonderbar – ich weiß selbst nicht wie – über mich gekommen. Es war, als erweiche sich mir das Herz, und etwas hier drinnen sagte mir, ich würde mir selbst zeitlebens gram sein und noch unglücklicher werden, als ich es ohnehin war, wenn ich dem Kind am heiligen Christ keine Freude bereitete. Am liebsten hätt’ ich es an mich gezogen und herzinniglich geküßt. Nachdem ich ihm die Hälfte der Nüsse zugeworfen, die ich eben gekauft, wurde mir auch so froh zu Mut, wie mir lange nicht gewesen, und ich hätte ihm gewiß und wahrhaftig auch Geld geschenkt, wenn auch nur wenig . . .‹

»Aber Petrus ließ sie nicht weiter reden. Er hatte genug gehört, und da er wußte, daß es keiner Seele im Himmel und in der Hölle möglich ist, eine Unwahrheit zu sagen, nickte er dem Weibe zu und versetzte: ›Das war allerdings etwas Gutes; doch ist es zu leicht und genügt nicht, die Schale zu heben, auf die wir Deine schlechten Thaten bei der Wägung Deiner Handlungen legten. Vielleicht wird Deine Strafe gemildert. Doch Du bist drunten mit Gütern reich gesegnet gewesen, und wie wenig galten Dir ein paar Nüsse! Was Dich antrieb, sie zu verschenken, war dem Herrn wohlgefällig, gern geb’ ich es zu; doch, wie gesagt, die Gabe war zu gering, als daß Du um ihretwillen aus der Hölle entlassen werden könntest.‹

»Damit ging er von dannen; doch eine helle Stimme von wundervollem Wohllaut rief ihn zurück. Es war die des Heilandes, und er selbst trat mit majestätischer Gelassenheit auf den Apostel zu und sprach: ›Laß uns erst sehen, ob das Almosen, wovon wir hier hörten, wirklich so gering war, daß es der sündigen Seele dort nicht zu gute kommen könnte. Gib uns zu hören, Kind‹ – und damit wandte er sich an den Engel, was mit den Nüssen geschah.«

»›O, lieber hoher Heiland,‹ versetzte der Engel, ›die Hälfte hab’ ich mir munden lassen und dabei auch Deiner gedacht; denn ich war der Meinung, daß ich sie Deiner Güte verdankte und daß es mein ››Christkindchen‹‹ sei, wie die Leute in der Stadt, wo wir wohnten, ein Weihnachtsgeschenk nennen.‹

»›Siehe doch, Petrus,‹ unterbrach hier der Heiland den Engel, ›schuld’ ich es nicht den Nüssen jener Frau, daß mir eine reine Kinderseele zugeführt wurde? Und schon das ist nichts Kleines. Doch was geschah weiter mit ihnen?‹

»›Ich naschte die meisten auf,‹ antwortete die Kleine, ›doch am Christabend gab es dazu noch anderes zu essen; denn die Leute, die mich angesehen hatten, wie mir die Frau etwas in den Schoß warf, waren aufmerksam auf mich und mein armes, verhärmtes Gesichtchen geworden, und bald hatt’ ich die sechs Schäfchen verkauft, und dazu war mir noch mancher Dreier und Groschen, ja sogar ein ganzer Thaler in die Schürze geflogen. Davon konnt’ ich mancherlei für die Mutter kaufen, das ihr so notthat, und wenn sie auch am Neujahrsmorgen starb, so durfte sie sich doch in den letzten Tagen mancherlei Erleichterung gönnen.‹

»Da warf der Heiland Petrus wiederum einen bedeutungsvollen Blick zu, und ein großer, schöner Engel, die Seele der Mutter des armen Kindes, begann: ›Wenn Du es gestattest, hoher Herr Jesus, so möcht’ auch ich ein Wort zu Gunsten der Verdammten dort sagen. Bevor das Hannele mit den Nüssen heimkam, lag ich ganz ohne Trost und Halt in schwerem Leid darnieder. Den Glauben hatt’ ich verloren; denn keines meiner Gebete war erhört worden, und ganz verbitterten Herzens meinte ich, Du, der doch den Armen hold warst auf Erden, und Dein himmlischer Vater hättet unser und unseres Elends ganz und gar vergessen, um die Reichen mit desto größeren Gaben zu überhäufen. In meinem und des Kindes Jammer hatt’ ich den Tag verfluchen gelernt, an dem wir geboren. O, wie wüst sah es in mir aus, während das Hannele die Schäfchen feil bot und gar nicht heimkehren wollte, obwohl ich seiner so nötig bedurfte; denn mich durstete so, daß der Gaumen wie Feuer brannte, und die erstickenden Anfälle blieben auch nie lange aus und wurden fast unerträglich, wenn keines da war, um mich in die Höhe zu richten. Da schalt ich diejenigen Lügner, die uns Armen einreden wollten, ein gütiger Vater im Himmel nenne auch uns seine Kinder und sorge für uns. – Wie aber das Hannele heimkehrte und das Lämpchen anzündete, und ich sein liebes Gesichtchen, das schon lange nicht mehr gelächelt, und aus dem ich nichts gelesen hatte als Jammer und Schmerz, leuchten und strahlen sah vor Freude und dann die Nüsse erblickte und die anderen guten Sachen, die es brachte, und sie auch genoß, da erhob ich das arme Herz in neuer Zuversicht zu Dir, mein Herr, und Deinem gütigem Vater, und der Dank hier drinnen hörte nicht auf bis ans Ende, und wenn ich nun im Anblick Eurer Herrlichkeit der himmlischen Freuden genieße, so dank’ ich das doch wohl der Frau dort, und daß sie so gut war, dem Hannele die Nüsse in das Schürzchen zu werfen.‹

»Da nickte ihr Petrus bestätigend zu. Dann verneigte er sich vor dem Heiland und sagte: ›Die kleine Gabe jener Unseligen wirkte allerdings Größeres, als ich annehmen konnte; doch wenn ich Dir mitteile, eine wie große Sünderin sie auf Erden gewesen . . .‹

»›Ich weiß,‹ fiel ihm hier der Heiland ins Wort. ›Bevor wir aber über das Schicksal dieses Weibes entscheiden, laß uns doch vernehmen, was das Kind mit den Nüssen that, die es übrig behielt; denn wir hörten ja, daß es nicht alle vernaschte. Nun, Englein, wohin sind die letzten gekommen? Erzähle! Gern hören wir Dir zu.‹

»Da begann das Hannele von neuem: ›Nachdem sie die Mutter begraben hatten, brachten sie mich aufs Land ins Gebirge; denn sie sagten, die Stadt hätte nicht für mich zu sorgen, sondern die Gemeinde des Dorfes, wo meine beiden Eltern geboren. Dahin brachte man mich denn auch. Die sechs Nüsse, die ich aufgehoben, hatt’ ich mitgenommen, um damit zu spielen. Das that ich, wie es Frühling wurde, am liebsten ganz für mich allein auf dem kleinen Rasenplatz hinter dem Armenhause, in dem ich das einzige Kind war; denn es wurden dort außer mir nur noch drei alte Weiblein zu ››Tode gefüttert‹‹, wie die Bauern und Weber des Dorfes es nannten. Von meinen Gefährtinnen waren zwei blind und die dritte brütete nur noch stumpf vor sich hin. Sie merkten auch gar nicht, was um sie her vorging; mir aber weitete das Herz sich aus, als rings um mich her alles wuchs und sproßte, knospte und so fröhlich erblühte. Die Brust that mir immerfort weh, und doch hatte ich meine Freude an dem allen. Wohin ich schaute, wurde gesät und gepflanzt. Das sah ich zum erstenmal, und nun überkam mich das Verlangen, auch einmal der guten Erde etwas anzuvertrauen, das für mich keimen und sprießen, ergrünen, wachsen und groß werden sollte.

»›Da steckte ich denn vier von meinen sechs Nüssen in die Erde. Ich legte sie so weit auseinander, wie es auf dem kleinen Raume nur anging; denn waren aus meinem Samen erst große Bäume geworden, so sollten sie einander nicht im Wege stehen und die Luft und den Sonnenschein nehmen, die ich beide so dankbar genoß. Ich sah meine Nüsse auch keimen; doch was dann aus ihnen wurde, erlebte ich nicht mehr da unten; denn zwei Jahre, nachdem ich sie gesät, brach die Hungersnot aus, und die armen Weber, die das Gebirgsdorf bewohnten, hatten kaum genug, um Weib und Kind zu ernähren. Für das Armenhaus blieb wenig übrig, und weil ich ohnehin siech war, konnte ich der Not nicht widerstehen, und ich war die erste, die an dem schrecklichen Fieber starb, das der Hunger hervorruft.

»›Dem Sack, worin sie mich begruben – denn wer hätte den Sarg wohl bezahlt? – ist nur die Stumpfsinnige und eine der Blinden gefolgt. Die letzten beiden Nüsse hatt’ ich mit den Alten geteilt. Jedes bekam eine halbe, und wie mundete doch das winzige Stückchen uns allen vieren; denn solch ein Leckerbissen wird zur Wohlthat, wenn die Zunge lange nichts kostete als etwas Brot und Kartoffeln. Die anderen Nüsse sah ich von hier oben aufsprießen und zu Bäumen erwachsen. Sie bekamen alle vier gerade Stämme und schöne dichte Kronen. Unter dem einen, der neben der Quelle stand, die sie jetzt den Frischbrunnen nennen, errichtete ein alter Zimmergesell, der ins Armenhaus kam, eine Bank.‹

»Hier unterbrach ein anderer Engel den kleinen Erzähler mit der Frage: ›Meinst Du den Nußbaum in Dorbstädt?‹ Und als er eine bejahende Antwort erhielt, rief er eifrig: ›Ich, Herr, ich bin der alte Zimmergesell gewesen, und in meinen letzten Sommern hab’ ich mir nichts Lieberes gewußt, als unter dem Nußbaum am Frischbrunnen zu sitzen, meiner Verstorbenen, die ich bald bei Dir wiedersehen sollte, zu denken und mein Pfeifchen zu rauchen. Im Herbst ist auch manch dürres Blatt von der Krone des Baumes unter den teuren Tabak gewandert.‹

»›Und ich,‹ fiel ein früherer Hausirer dem Zimmermanne ins Wort, ›auch ich vergaß den Nußbaum gewiß nicht; denn unter ihm setzte ich meinen Kram immer nieder, wenn er mir die Schultern zusammengepreßt hatte, und in seinem Schatten ruhte ich die todmüden Glieder aus, bevor es ins Dorf ging.‹

»›Ich auch! Wie so manchesmal hab’ ich unter der Krone dieses Baumes an heißen Sommertagen gerastet und Erfrischung gefunden,‹ rief der frühere Postbote von Dorbstädt und mit ihm ein Lastträger, der gleichfalls von daher in den Himmel gekommen.

»›Aber,‹ fuhr der letztere fort, ›schon vor mehreren Jahren sind die Nußbäume umgehackt worden.‹

»›Ich sah es,‹ fügte die verklärte Seele des Hannele hinzu, und man hörte ihr an, wie sehr sie dies bedauerte. ›Sie wurden gefällt, als man das Armenhaus abtrug; aber der hohe Sohn Gottes weiß wohl jetzt schon, was er zu erfahren begehrte.‹

»›Nein, nein,‹ versetzte der Heiland. ›Es wäre mir noch lieb, zu erfahren, was aus dem Holz dieser Bäume wurde.‹

»Da erhoben mehrere Selige zugleich die Stimme; denn von den armen Leinewebern aus Dorbstädt waren die meisten der himmlischen Seligkeit würdig befunden worden; Sankt Petrus aber gebot Ruhe und gab demjenigen, welcher zuletzt angekommen war, das Wort.

»›Ich bin,‹ begann dieser, ›der Arzt in jenem Dorfe gewesen und mußte die Erde verlassen, weil auch mich die Seuche hinraffte, von der viele arme Leute dort unten ergriffen worden waren und gegen die ich mit gar schwerer Mühe, doch leider nur mit geringem Erfolg angekämpft hatte. Ueber alles, was Du etwa noch zu wissen wünschest, Herr, kann ich Auskunft erteilen; denn volle fünfundvierzig Jahre hab’ ich da meine geringe Kunst den armen Kranken gewidmet. Wie das Hannele – es geschah vor meiner Zeit – in unserem Armenhause starb, war das Elend noch bitterer als jetzt. Die Weber wurden von den großen Händlern übel ausgebeutet, bis ein unternehmender Mann eine Fabrik bei uns baute und ihnen bessere Löhne zahlte. Weil nun die Bevölkerung wuchs und es viele Kranke ringsum gab, denen es an der nötigen Pflege gebrach, genügte das baufällige Armenhaus, in das man auch die Leidenden brachte, nicht mehr, und darum errichtete die Gemeinde Hand in Hand mit dem Fabrikbesitzer ein Hospital für die ganze Gegend, und es kam auf die Stelle des alten Armenhauses zu stehen. Da mußten denn die schönen Nußbäume, die der Engel dort gesät, umgehauen werden. Es that mir wehe genug, dies anordnen zu müssen, doch der Platz, den sie beschatteten, war uns nötig; denn es galt im großen und kleinen zu sparen, und so benützten wir denn auch das Holz der gefällten Bäume und ließen Bretter daraus schneiden.‹

»Hier unterbrach eine Seele den Arzt: ›Ich lag in einem der Betten, die man aus jenem Holze verfertigt. Daheim war eine Schütte Stroh mein Lager gewesen, und wie schlecht ruhte sich’s darauf, als das Fieber mich schüttelte. Im Krankenhause, da wurde es anders, und wie ich in das gute Bett kam, fühlt’ ich mich schon wie im Himmel.‹

»›Und ich,‹ rief ein breitgeflügelter Engel, ›bin zehn Jahre lang auf den Krücken gegangen, die man aus dem Nußbaum beim Frischbrunnen fertigte, und der alte Konrad drunten bedient sich ihrer noch immer.‹

»›Auch die meinen,‹ fiel ein anderer ein, ›waren von diesem Holze. Ich hatte lange darniedergelegen, an ihnen aber lernte ich wieder gehen und vor dem Webstuhle stehen, und so wurde es mir wieder möglich, den Meinen Brot zu erwerben. Dem da, der aus Hochdorf stammt, ist es ebenso ergangen, und der Stelzfuß des Chausseeeinnehmers Wilhelm, der kurz vor mir hier Aufnahme fand, war auch von dem Nußholz.‹

»›Ich hab’ ihm in anderer Weise zu danken,‹ sagte ein schöner Engel, indem er das gekrönte Haupt tief vor dem Sohne Gottes neigte. ›Mein Los da unten ist ein gar schweres gewesen; denn ich wurde früh zur Witwe, und ganz allein mit meiner Hände Arbeit zog ich die Kinder heran. Ich brachte sie auch bei hartem Schaffen gut in die Höhe, und aus meinem kleinen Kleeblatt sind rechtschaffene, tüchtige Männer geworden, die auf sich selbst und die Mutter etwas hielten. Aber alle drei, mein Herr, – da schweben sie – entriß mir der unerforschliche Ratschluß des himmlischen Vaters. Zwei fielen im Kriege, und der letzte kam bei der Arbeit durch die Maschine ums Leben. Das brach mir die Kraft, und wie sie mich ins Krankenhaus brachten, war ich der Verzweiflung nahe, und das Leben drückte mich wie eine grausame Last. Da war eben Dein Bild, mein Erlöser, fertig geworden, das ein Bildhauer aus dem Holz eines der Nußbäume am Frischquell geschnitzt, und sie befestigten es meinem Bett gegenüber. Es zeigte Dich, mein Herr, am Kreuze, und Dein schmerzlich geneigtes Haupt mit der Dornenkrone bot einen gar beweglichen Anblick. Dennoch achtete ich seiner nur wenig; eines Morgens aber – es war gerade am Sterbetag meiner beiden Jungen, die neben einander als wackere Verteidiger des Vaterlandes das blühende Leben gelassen – an jenem Morgen streifte die Sonne Dein bekümmertes Antlitz und Deine blutenden Hände, die die gräßlichen Nägel durchbohrten, und da kam mir in den Sinn, wie schwer Du unschuldig gelitten, um uns zu erlösen, und was es Deine Mutter gekostet haben muß, ein solches Kind so zu verlieren. Da frug mich eine Stimme, ob ich denn ein Recht habe, zu klagen, wenn der eigene Sohn des Herrgotts so große Qualen freiwillig auf sich genommen, und der erhabensten der Frauen so furchtbares Leid beschieden gewesen. – Ich mußte das verneinen und nahm mir vor, geduldig zu tragen, was mir, einem armen, sündigen Weiblein, auferlegt worden. Von da an ist mir Dein Bildnis, o Herr, ein rechter Tröster geworden, und weil sein Holz ja von dem Baume am Frischbrunnen kam, den das Hannele gesät, dank’ ich die besseren Jahre, die dann kamen, und wohl auch die Freuden in Deinem Paradiese, mein Heiland, doch gewiß den Nüssen, die das verdammte Weib dort dem Kinde schenkte.‹ Demütig verneigte sie sich wieder; der Sohn Gottes aber wandte sich dem Apostel zu und fragte: ›Nun, Petre?‹

»Da rief dieser den Wächtern der Hölle zu: ›Gebet sie frei, – das Himmelsthor steht ihr offen. Wie reich und mannigfaltig, Herr, ist doch die Frucht, die aus der kleinsten Gabe erwächst, wenn sie nur rechte Liebe spendet.‹

»›Du sagst es,‹ erwiderte der Heiland und wandte ihm freundlich den Rücken.

Der Oberst hatte länger gesprochen, als der Arzt es ihm gestattet, und bedurfte der Ruhe; als er aber zum Abendbrot wieder erschien, um die Weihnachtskarpfen mit uns zu verspeisen, sah er den kleinen Hermy mit Karl und Kurt zusammen am Kamin stehen, und dabei nahm er wahr, wie sein Liebling die Augen mit warmem Entzücken auf den für die Großmama bestimmten Nüssen ruhen ließ, und wie die Knaben, die das Brüderchen sonst nur zu gerne neckten, den Kleinen mit solcher Zärtlichkeit umgaben, als ob sie etwas an ihm gut zu machen hätten. Bei Tisch hörten wir, wie Kurt dem Karl sagte. »Das Hermychen hat mit dem Geschenk an die Großmama doch etwas Hübsches getroffen,« und wie der Karl eifrig entgegnete: »Ich hebe mir morgen von meinen Nüssen einige auf und pflanze sie im Frühling.«

»Um eine Krücke für mich daraus zu machen oder um in den Himmel zu kommen?« frug der Oberst.

Da errötete der Junge und wußte keine Antwort zu finden; ich aber trat für ihn ein und versetzte: »Nein, seine Bäume sollen uns alle an Sie erinnern, Herr Oberst, und an Ihre Geschichte. Wenn wir geben, wollen wir es im Gedanken an Sie nur mit rechter Liebe thun, und wenn wir nehmen, auch bei der kleinsten Gabe nur fragen, wie sie gemeint ist.«


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